Martin Betz- Lieder

Cover

1
Stell ich vorn Spiegel mich, stellt sich die Frage:
was mir am Menschen am liebsten behage?
Wenig Ästhetik eignet der Zunge,
wenig den flatternden Flügeln der Lunge,
unschön das innere Keilbein der Füße,
hübsch nicht Aorta noch Zirbeldrüse,
nicht am Trizeps die mächtige Sehne,
Hohlvene weder, noch hohle Zähne.
Nicht dem Gebiß, weder Wade noch Leiste,
nicht dem Sympathicus gilt meine meiste
Sympathie; nicht die Großhirnrinde
ist´s, was ich heimlich anziehend finde;
kein verborgner, verzweigter, verquerer,
vielmehr ein großflächig ubiquitärer
Körperteil, unergründlich vertraut:
die Haut,
die Haut,
die Haut!

2
Was mir an dir, mein gebratenes Hähnchen
schmeckt, sind nicht Knorpelchen, Knöchelchen, Sehnchen.
Weder die Kratzfüße noch dein Schnabel
munden mir sonderlich formidabel.
Knochen sind nicht Geschmackes Sache,
nein, dem Gehör gehört ihr Gekrache.
Hähnchen, mein Gaumenstern, spar dir die grausen
Innerein - nein, ich liebe dich außen,
schlürfe als Kontinent, unzerkaut,
deine Haut,
deine Haut,
deine Haut.

3
Milch! Dir reicht niemand das Wasser. Du weicher,
fett- und kalkhaltig wandfarbengleicher,
zahnschonend mütterlich nahrhaft naiver
kindgerecht unschuldsweiß karitativer
Saft, zeig erhitzt dein dunstig verträumtes
feuilletonistisch aufgeschäumtes
poriges Antlitz - ganz unverdächtig
hast du mir oft schon den Tag versaut.
Milch, denn du schmeckst mir prächtig -
bis auf die Haut,
die Haut,
die Haut!

4
Dich, mein Schatz, lieb ich unbestechlich
tief, doch, was mehr ist: auch oberflächlich.
Tanzt du, Musik ist dein Wechselspiel straffer
Glieder - zum Hit aber wird sie durchs Cover.
Haut ist dein festlichstes Kleid, dir verschafft es
Nacktheit nicht, sondern Schleierhaftes.
Drum aufs innigste laß ich verlauten:
niemals werd ich, wo Haut ist, dich outen.
Ans million´fache Netz deiner Poren
hab ich mein Herz samt Gefäßen verloren.
Trägst du auch Gänsehaut, ich bin erfreut - ich
lieb dich orangen- und pfirsichhäutig
. Auf deiner Sommersprossenleiter
steig ich als Wetterfrosch, das besagt "heiter".
Du sei kein Frosch! Aber, nicht übertrieben:
Wärst du´s, ich würd dein Schwimmhäute lieben.
Vorwurfsvoll schaust du. Was sagst du? Dir scheine,
immer schaut´ ich dir nur auf die Beine?
Niemals, das kann gar nicht sein, ich verneine:
habe dir nie auf die Beine geschaut,
sondern nur auf die Haut,
auf die Haut,
immer nur auf die Haut.

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